Die Straße der Höflichkeit: Ein stilles Stück Sylt-Geschichte

Was ich bis vor einem Gespräch mit Andreas Fleck, bekannt aus „Sylt im Reizklima“, nicht wusste, würde ich tatsächlich als echten Geheimtipp bezeichnen. Obwohl ich seit 1978, damals im Alter von zwei Jahren, jährlich auf der Insel war und unzählige Male von Westerland nach Hörnum gefahren bin, ist sie mir nie wirklich aufgefallen: die „Straße der Höflichkeit“.

Inzwischen bin ich natürlich einen Teil der Strecke mit dem Rad abgefahren.

Eine Straße, die mehr war als nur eine Verbindung

Die „Straße der Höflichkeit“ war von 1948 bis 1969 die Straßenanbindung von Hörnum an den „Rest der Welt“. Bis 1948 war der Inselsüden ausschließlich mit der Inselbahn oder mit dem Schiff erreichbar. Man muss sich das heute einmal vorstellen: Hörnum, für viele Sylt-Besucher längst ganz selbstverständlich über die Straße erreichbar, lag damals verkehrstechnisch noch deutlich abgeschiedener.

Die Inselbahn, die später 1970 eingestellt wurde, spielte bis dahin eine zentrale Rolle. Wer in den Süden wollte, fuhr mit der Bahn oder kam über das Wasser. Erst 1948 änderte sich das – mit einer Straße, die aus heutiger Sicht weniger nach moderner Verkehrsverbindung klingt als nach einem kleinen Abenteuer.

Warum sie „Straße der Höflichkeit“ hieß

Der Name wirkt beinahe poetisch, hatte aber einen sehr praktischen Ursprung. Die Straße war einspurig. Nicht nur etwas schmaler als heutige Straßen, sondern tatsächlich nur für ein Fahrzeug ausgelegt. Damit sich entgegenkommende Fahrzeuge überhaupt passieren konnten, gab es Ausweichstellen.

Wer eine solche Ausweiche zuerst erreichte, wartete dort auf den Gegenverkehr. Man ließ den anderen vorbei, nickte vielleicht kurz, winkte – und fuhr weiter. Aus einer verkehrstechnischen Notwendigkeit entstand so eine kleine Kultur der Rücksichtnahme. Die Straße zwang ihre Nutzer gewissermaßen zur Höflichkeit.

Heute, wo auf Sylt immer wieder über Verkehr, Baustellen, Parkplätze und Geduld gesprochen wird, klingt dieser Name fast wie eine Erinnerung aus einer anderen Zeit: langsamer, direkter, menschlicher.

Nachtfahrten auf Betonplatten

Besonders eindrücklich muss die Fahrt bei Nacht gewesen sein. Die alte Strecke bestand aus holperigen Betonplatten. Wer dort unterwegs war, glitt nicht bequem von A nach B, sondern rumpelte über eine knapp bemessene Buckelpiste Richtung Inselsüden.

Man kann sich gut vorstellen, wie die Scheinwerfer über die schmale Fahrbahn tasteten, wie links und rechts die Landschaft im Dunkeln verschwand und wie jede Begegnung mit Gegenverkehr für einen Moment zur Geduldsprobe wurde. Kein Vergleich zur heutigen Fahrt nach Hörnum. Eher eine kleine Expedition.

Ein Rest der alten Trasse ist noch begehbar

Das Faszinierende ist: Von dieser Straße ist nicht nur eine Geschichte geblieben. Einen Eindruck von der knapp bemessenen alten Buckelpiste vermittelt noch heute ein Rest der Trasse.

Wer am Parkplatz Möskendeel Richtung Hörnum startet, findet leicht den kleinen Weg, der zunächst unscheinbar beginnt und dann zur alten Straße wird. Linker Hand führt ein enger Trampelpfad durch die Heckenrosen. Wer dort entlanggeht oder mit dem Rad in der Nähe unterwegs ist, bekommt zumindest noch eine Ahnung davon, wie schmal, einfach und unmittelbar diese Verbindung einmal gewesen sein muss.

Es ist kein großer touristischer Ort, kein klassisches Ausflugsziel mit Schild, Erklärungstafel und Inszenierung. Eher ein stilles Relikt, das man leicht übersieht. Vielleicht liegt genau darin sein Reiz.

Wo früher die Inselbahn fuhr

Auch die alte Trasse der Inselbahn ist nicht völlig verschwunden. Sie lebt heute in anderer Form weiter: als Kies-Radweg von Rantum bis Hörnum-Nord. Wer dort fährt, bewegt sich also nicht einfach nur auf einem schönen Radweg durch die Sylter Landschaft, sondern auf einer historischen Linie.

Die Bahn, die Straße, die alten Wege nach Hörnum – all das erzählt davon, wie sich der Süden der Insel Stück für Stück geöffnet hat. Heute fährt man fast beiläufig nach Hörnum. Früher war das eine kleine Reise.

Ein Geheimtipp für alle, die Sylt genauer sehen wollen

Die „Straße der Höflichkeit“ ist kein spektakuläres Monument. Genau deshalb passt sie so gut zu Sylt. Die Insel besteht eben nicht nur aus Stränden, Promenade, Reetdächern und Restaurants. Sie besteht auch aus solchen Spuren: alten Trassen, vergessenen Wegen, Geschichten im Windschatten der Gegenwart.

Wer das nächste Mal Richtung Hörnum unterwegs ist, sollte sich bewusst machen, dass diese Strecke einmal eine einspurige Betonplattenstraße war, auf der man warten musste, wenn der Gegenverkehr kam. Und dass ausgerechnet aus diesem Warten ein Name entstanden ist, den man heute kaum schöner erfinden könnte.

Die Straße der Höflichkeit – ein kleines Stück Sylt-Geschichte, das zeigt: Manchmal bleibt von einer Straße nicht nur Asphalt zurück, sondern eine Haltung.

Text und Fotos: Stefan Kny syltexklusiv.com