Weltklasse-Ballett vor einzigartiger Sylter Kulisse

Wenn Keitum zum Treffpunkt der internationalen Ballettwelt wird

Am Donnerstag, dem 9. Juli 2026, verwandelten sich die Wiesen vor dem BENEN-DIKEN-HOF erneut in eine außergewöhnliche Freilichtbühne. Rund 1.200 Besucherinnen und Besucher erlebten hier das Verdensballett auf Sylt – zugleich das einzige Deutschland-Gastspiel der diesjährigen Tournee.

Bereits ab 16 Uhr füllte sich das Gelände. Die Gäste suchten ihre Plätze, trafen Freunde und Bekannte, stießen mit einem Glas Wein an oder nutzten die Zeit für einen ersten kulinarischen Rundgang. Die Stimmung war erwartungsvoll und zugleich angenehm gelöst. Noch bevor der erste Tänzer die Bühne betrat, war zu spüren, dass dieser Abend weit mehr werden würde als eine gewöhnliche Kulturveranstaltung.

Gastfreundschaft mit persönlicher Handschrift

Was wir am BENEN-DIKEN-HOF besonders schätzen, ist die persönliche Art, mit der Anja und Claas-Erik Johannsen gemeinsam mit ihrem Team ihre Gäste empfangen.

Es blieb Zeit für Begrüßungen und kurze Gespräche, bekannte Gesichter trafen aufeinander und überall war jene Vertrautheit zu spüren, die sich nur über viele Jahre entwickeln kann. Auch wir durften an diesem Abend interessante neue Persönlichkeiten kennenlernen und zahlreiche Bekannte wiedersehen.

Diese persönliche Atmosphäre ist ein wesentlicher Teil des Verdensballetts in Keitum. Die Veranstaltung besitzt die künstlerische Qualität einer internationalen Gala, bewahrt sich dabei jedoch den Charakter eines besonderen Sommerabends unter Freunden.

Hochkultur ohne die Distanz eines Opernhauses

Das Verdensballett verfolgt seit seiner Gründung im Jahr 2008 ein überzeugendes Konzept: Künstlerinnen und Künstler bedeutender internationaler Compagnien verlassen für einige Wochen ihre großen Bühnen und bringen Ballett, Operngesang und klassische Musik an außergewöhnliche Orte.

Initiator und Gründer ist der dänische Tenor Jens-Christian Wandt. Im Jahr 2016 gastierte das Ensemble erstmals auf den Wiesen des BENEN-DIKEN-HOF. Seitdem hat sich die Veranstaltung zu einer festen Größe im Sylter Kulturkalender entwickelt.

Gerade die Verbindung von hoher künstlerischer Qualität und entspannter Atmosphäre macht den besonderen Reiz aus. Statt rotem Samt und großer Distanz bilden der friesische Häuser und alter Baumbestand den Rahmen.

Die Bühne steht nah am Publikum. Mimik, Bewegungen und selbst kleine Gesten lassen sich unmittelbar verfolgen. Aus der Distanz eines großen Opernhauses wird eine beinahe persönliche Begegnung mit den Künstlerinnen und Künstlern.

Klassisches Ballett trifft auf zeitgenössischen Tanz

Das Programm des Verdensballetts 2026 zeigte, wie weit sich die Ausdrucksformen des Tanzes öffnen lassen, ohne die Traditionen des klassischen Balletts aus den Augen zu verlieren.

Zu erleben waren Ausschnitte aus Klassikern wie „Der Nussknacker“ und „Dornröschen“. Ihnen gegenüber standen moderne Arbeiten und eigens für die Tournee entwickelte Choreografien. Dazu gehörten William Forsythes Pas de deux „Slingerland“ sowie ein Pas de deux aus Christopher Wheeldons „An American in Paris“.

Auch Steven McRaes Arbeit „Journey“, die sich mit Elternschaft und der emotionalen Reise des Familienlebens beschäftigt, gehörte zum Programm. Für einen weiteren Akzent sorgte eine von Astrid Elbo entwickelte und von William Shakespeares „Hamlet“ inspirierte Choreografie.

Gerade dieser Wechsel verlieh dem Abend seine Spannung. Auf präzisen klassischen Spitzentanz folgten freie, beinahe erzählerische Bewegungen. Virtuosität wurde nicht um ihrer selbst willen gezeigt, sondern als Mittel, Gefühle und Geschichten sichtbar zu machen.

Solistinnen und Solisten von internationalem Rang

An der Spitze des Ensembles stand Steven McRae, künstlerischer Leiter des Verdensballetts und Principal Dancer des Royal Ballet in London. Bei ihm verbinden sich technische Präzision, Musikalität und eine Bühnenpräsenz, die selbst komplexe Bewegungsabläufe mühelos erscheinen lässt.

Sein abschließender Stepptanz wurde zu einem der ausgelassensten Momente des Abends. Für einige Minuten schienen die Grenzen zwischen klassischem Ballett, Show und musikalischer Improvisation aufgehoben.

Mit Anna Rose O’Sullivan und Yasmine Naghdi standen zwei weitere Principal Dancers des Royal Ballet auf der Bühne. Nicol Edmonds, First Soloist des Royal Ballet, ergänzte die Londoner Besetzung.

Vom English National Ballet kamen Sangeun Lee und Gareth Haw. Sangeun Lee überzeugte mit technischer Brillanz und feiner Ausdruckskraft. Gareth Haw zeigte in den Partnerpassagen jene Verbindung aus Kraft, Sicherheit und Eleganz, ohne die ein Pas de deux seine scheinbare Schwerelosigkeit nicht entfalten könnte.

Harris Beattie vom Northern Ballet brachte eine weitere tänzerische Energie auf die Bühne und zeigte, wie selbstverständlich sich klassisch ausgebildete Tänzer zwischen traditionellem Ballett und zeitgenössischer Bewegungssprache bewegen.

Die Zukunft des Balletts

Einen besonderen Anteil am Programm hatte erneut das Bundesjugendballett aus Hamburg. Die Compagnie besteht aus acht international ausgewählten Tänzerinnen und Tänzern im Alter zwischen 18 und 23 Jahren.

Unter der künstlerischen und pädagogischen Direktion von Kevin Haigen sowie der Intendanz von John Neumeier versteht sich das Bundesjugendballett nicht lediglich als Nachwuchsformation. Die jungen Künstler bringen den Tanz bewusst aus den klassischen Theaterhäusern hinaus zu unterschiedlichen Menschen und an ungewöhnliche Orte.

In Keitum eröffneten sie den Abend mit bemerkenswerter Selbstverständlichkeit. Ihre Beiträge wirkten keineswegs wie ein Vorprogramm. Vielmehr zeigten sie, mit welcher technischen Reife, Energie und Ausdruckskraft die nächste Generation des Balletts bereits heute auftritt.

Operngesang und Live-Musik

Das Verdensballett wäre nicht das besondere Gesamterlebnis, das es seit vielen Jahren ist, wenn sich der Abend ausschließlich auf den Tanz beschränken würde.

Jens-Christian Wandt führte als Tenor und Conférencier durch das Programm. Mit Humor, Hintergrundwissen und einem sicheren Gespür für das Publikum verband er die einzelnen Beiträge miteinander.

An seiner Seite stand die norwegische Sopranistin Lydia Hoen Tjore. Mit ihrer klaren und zugleich warmen Stimme verlieh sie den Opernpassagen emotionale Kraft. Zu hören waren unter anderem Melodien aus Georges Bizets „Carmen“.

Begleitet wurden Tanz und Gesang vom Geiger Niklas Walentin und dem Pianisten Alexander McKenzie. Ihr Zusammenspiel bildete das musikalische Fundament vieler Szenen und schuf zugleich eigenständige Konzertmomente.

Mal stand ihre Musik im Vordergrund, mal trat sie nahezu unmerklich hinter den Tanz zurück. Gerade dieses feine Wechselspiel machte die Verbindung von Ballett und Live-Musik so überzeugend.

Ein aufmerksames Publikum

Die Gäste ließen sich auf die unterschiedlichen Ausdrucksformen ein – auf klassisches Ballett ebenso wie auf moderne Choreografien und Operngesang. Der Applaus zeigte, wie sehr das Konzept überzeugte. Besonders Steven McRaes Stepptanz, die großen Pas de deux und die Beiträge des Bundesjugendballetts wurden begeistert aufgenommen.

Kulinarik mit Handschrift

Auch kulinarisch war der Abend weit von einer gewöhnlichen Open-Air-Veranstaltung entfernt. Vor Beginn, während der Pause und nach der Aufführung konnten sich die Gäste an verschiedenen Ständen versorgen. Ein dänischer Hotdog gehörte ebenso dazu wie Garnelen und Spezialitäten der Sylter Landschlachterei.

Die Pause wurde nicht nur für eine Stärkung genutzt. Man diskutierte über die ersten Choreografien, traf weitere Bekannte und ließ die bisherigen Eindrücke gemeinsam Revue passieren.

Ein Abend, der nachwirkt

Auch nach dem letzten Applaus leerte sich die Wiese nicht sofort. Die gastronomischen Stände blieben geöffnet, Gäste kamen miteinander ins Gespräch und auch Begegnungen mit den Künstlerinnen und Künstlern waren möglich.

Das Verdensballett hat auch 2026 gezeigt, dass große Kunst nicht zwangsläufig ein Opernhaus benötigt. Manchmal braucht es einen besonderen Ort, engagierte Gastgeber, Künstler von internationalem Rang und ein Publikum, das bereit ist, sich auf einen außergewöhnlichen Abend einzulassen.

Text und Fotos: Christine Arnoldt und Stefan Kny von syltexklusiv